Ich bin Max und heute besucht uns der Weihnachtsmann. Jetzt echt, ganz ehrlich. Ich kann es ja selbst kaum glauben. Dass der Weihnachtsmann am Heiligabend Zeit findet, ausgerechnet mich – einen 7-Jährigen – zu besuchen. Wenn ich in einer großen Stadt wohnen würde … aber hier in unserem Dorf an der Nordsee?

WeihnachtsbaumGleich ist Bescherung. Ich sitze im Wohnzimmer auf dem Boden und lese Micky Maus. Und warte … Mama räumt gerade den Tisch ab und Papa sucht eine CD für die Stereoanlage. Er könnte jede Minute kommen.

„Mama“, frage ich, „wann kommt er denn?“

„Gleich“, antwortet sie, „jede Minute.“

Das habe ich ja gesagt. Jede Minute! Da klopft jemand an die Fensterscheibe. Mein Herz bleibt fast stehen! Plötzlich habe ich so einen Kloß im Hals. Ich kann gar nicht mehr reden, aber das will ich auch gar nicht.

Mama öffnet die Terrassentür und ein großer Mann kommt rein. Er trägt einen roten Mantel und hat lange weiße Haare und einen langen weißen Bart. Ja, und er hat einen großen, braunen Sack dabei! Es ist der Weihnachtsmann! Alter!

Meine Schwester ist zuerst dran. Die ist auch völlig cool. Sie ist ja auch erst zwei und hat die Sache mit dem Weihnachtsmann gar nicht richtig kapiert. Drei riesige Pakete … nur für Lisa. Hoffentlich ist noch was für mich in dem Sack … oje, jetzt bin ich dran.

Ich sitze auf seinem Schoß. Komisch, er trägt eine Brille. Trägt der Weihnachtsmann eine Brille? Und offenbar hat er jede Menge Zeit. Müsste er nicht um die ganze Welt reisen? Da hat man bestimmt keine Zeit … oder?

„Warst du auch immer artig?“, fragt er mit tiefer Stimme. Alter ist mir schlecht. Ich nicke. Reden kann ich ja nicht. Hoffentlich glaubt er mir. Wenn der wüsste, dass ich Lisas Weihnachtsmann schon zur Hälfte aufgefuttert habe. Da steht fast nur noch seine Verpackung. Aber wieso weiß er das denn nicht? Das müsste er doch wissen!

„Mal sehen, ob ich etwas für dich dabei habe“, sagt er und wühlt in seinem Sack. Und wühlt und wühlt. Plötzlich hustet er. Und hustet. Ziemlich heftig, eigentlich wie Opa Manfred. Er hört gar nicht mehr auf zu husten und Papa geht mit ihm in den Flur. Ich sitze neben dem Sack und sehe, wie Papa ihm etwas gibt. Dann höre ich ein Zischen, so wie es auch bei Opa immer zischt, wenn er seine Medizin einatmet.

Dann höre ich die Haustür. Papa kommt wieder und sagt: „Der Weihnachtsmann musste weiter. Er hat seinen Sack da gelassen, weil nur noch deine Geschenke drin sind.“ Dann holt Papa die Geschenke heraus. Und die Geschenke sind toll, aber die Sache mit dem Weihnachtsmann lässt mir keine Ruhe. Die Brille war braun. Auch Opas Brille ist braun. Ich weiß ja, dass sich viele Leute als Weihnachtsmann verkleiden. Ich habe ja auch schon einmal mehr als einen gleichzeitig auf der Straße gesehen. Aber heute … heute sollte der Echte vorbeikommen. Aber das war nicht der Echte. Das war Opa.

Irgendwie bin ich traurig und ich weiß gar nicht warum. Ich habe fast alles bekommen, was ich mir gewünscht hatte. Jetzt gehen wir in die Kirche. Ich laufe ganz vorne und da sehe ich es. Ein Huschen am Himmel. Ich habe es ganz deutlich gesehen! Das war bestimmt der echte Weihnachtsmann gewesen. Mit seinem Rentierschlitten vom Nordpol. Auf einmal geht es mir wieder viel besser. Erwachsene können so blöd sein. Warum verkleiden sie sich und behaupten dann, sie wären der echte Weihnachtsmann? Kein Wunder, dass mein Freund Lukas nicht mehr an ihn glaubt. Aber ich glaube an ihn. Wie konnte ich nur am Weihnachtsmann zweifeln? Natürlich gibt es ihn, aber er hat so unglaublich viel zu tun. Der kommt nicht zu Besuch in ein Dorf an der Nordsee.

(C) Karim Pieritz